Essen ohne Sünde

Essen ohne Sünde

Tatort Krefeld – Essen ohne Sünde – Autor Norbert Potthoff

Sie war weder ein Vollweib, noch von knabenhafter Statur. Auch kein abgemagertes Model. Sie war einfach eine schöne Frau, schlank, aber mit allen Rundungen, wie sie ein kultivierter, westeuro-päischer Mann attraktiv findet. Das körperenge schwarze Wollkleid unterstrich aufs Angenehmste ihre aphroditeschen Formen. Selbst ihr Bauch wies eine entzückende leichte Rundung auf, die ich gerne als dritten Handschmeichler bezeichne, nach den Brüsten und den Powölbungen. Von Waschbrett also keine Spur. Unumstrittene Königin der weiblichen Körperwölbungen, den Handschmeichlern, bleibt  selbstvertändlich der Venushügel, aber der blieb dem Auge verborgen und ihn zu erobern, zärtlich zu ertasten, zu streicheln, das gehörte erst einmal in den Bereich der Phantasie.
Auf ihren High Heels balancierte sie elegant und sicher wie eine Balletttänzerin. Kurz, sie war die Augenweide unseres Fortbildungsseminars. Sie hörte auf den schönen Namen Serena.

Ein Geraune setzte unter den Männern ein, leise aber unüberhörbar, als sie mit dem erhabenen Gang einer Filmschauspielerin den Raum betrat, oder, besser gesagt, hereinschwebte. So mancher prüfte unauffällig den Sitz seiner Krawatte, musterte seine Schuhspitzen auf tadellosen Glanz und zog angestrengt den Bauch ein. Niemand aus der Hauptstelle kannte sie, denn sie leitete, wie sich dann herausstellte, erst seit zwei Wochen die Filiale in Hüls.
Der Zufall führte uns am Nachmittag in die gleiche Arbeitsgruppe. Aus dem allgemeinen Gebalze der Hähne um sie herum hatte ich mich tunlichst herausgehalten. Natürlich war auch ich ein Hahn, aber ich trug meinen Verstand lieber dort, wo er auch hingehört und nicht auf halber Strecke zwischen Nasenspitze und Füßen. Mit 35 Lebensjahren war ich erfahren genug zu wissen, dass ich jede Frau haben kann, die mich will. Meine Zurückhaltung war für sie anscheinend Grund genug, sich neben mich zu setzen.
Ähnlich wie ich hatte sie neben Wirtschaftswissenschaften auch Kunstgeschichte und Philosophie studiert. So verbrachten wir dann am zweiten Seminartag alle Pausen mit anregenden Gesprächen über Gott, Kunst und die Welt. Zum Mittagessen hatte sie nur einen kleinen Salat gegessen, aber das schien mir verständlich. Einen solchen Körper bekommt man zwar von der Natur geschenkt, aber für den Erhalt muss man selber hart arbeiten.
Als das Seminar am dritten Tag dann endete, waren wir auf dem besten Weg, uns unsterblich ineinander zu verlieben. Es störte mich auch nicht im Geringsten, dass sie die Initiative übernahm und mich für den Samstag zu einem Besuch einer Ausstellung des Fotokünstlers Andreas Gursky im Museums Haus Lange einlud, verbunden mit einem anschließenden Abendessen in ihrer Wohnung. Energische, selbstsichere Frauen stören mich in keiner Weise, solange es nicht in Bevormundung ausartet.
»Groß wirkt immer«, sagte sie im Museum viel sagend, mit Blick auf die überdimensionalen Fotografien des Banalen.
»Der wahre Meister erweist sich auch in kleineren Formaten«, parierte ich geschickt. »Das Bildnis der Mona Lisa misst gerade einmal 53 mal 77 cm.«
Sie antwortete mit einem Lächeln, das geheimnisvoll und rätselhaft blieb und drängte alsbald unmissverständlich auf den Aufbruch.

Ihre Wohnung erwies sich im Stil als Mischung zwischen altrömischer und fernöstlicher Kultur. Exotische Düfte begrüßten uns schon beim Eintritt. Serena entschuldigte sich kurz und kehrte bald darauf zurück, gekleidet wie die Frau eines römischen Senators, mit einer weißgoldenen Tunika, die bis zu ihren schmalen Sandalen reichte, aber nur sparsam ihre Arme und Brüste zu verhüllen vermochte.
»Wenn du dich ein auch ein wenig frisch machen möchtest«, sagte Serena und wies auf die Tür zum Badezimmer. »Du kannst es dir auch gerne bequem machen.«
Im Bad angekommen, verstand ich ihr Angebot. Ich konnte wählen zwischen einer Toga, einem flauschigen Hausmantel und einem chinesischen Hausanzug aus feinster Seide. Ich wäre ein Narr gewesen, das Angebot nicht auch unter praktischen Gesichtspunkten zu prüfen. Normalerweise hätte ich mich für den japanischen Anzug entschieden, aber mit heruntergelassenen Hosen kam ich mir schon immer albern vor. So ein Hausmantel hat hingegen die unangenehme Eigenschaft, sich womöglich im falschen Moment bereits zu öffnen. Aus Sicherheitsgründen muss man den Gürtel daher mit einem doppelten Weberknoten sichern, der sich aber dann bei Bedarf kaum noch entknoten lässt. Also blieb mir nur die Toga zur Wahl, obwohl man sich in der ganzen Stoffmenge schnell verheddern kann, sobald die Stimmung auf Nahkampf umschlägt. Natürlich hätte ich auch in Jeans und offenem Hemd zurückkehren können, aber das wäre mir als Stilbruch erschienen.
Bevor ich dann die Toga überstreifte, überprüfte ich noch einmal die wichtigsten Bereiche meines Körpers auf einen tadellosen Zustand. Es gab nichts zu beanstanden, und so entledigte ich mich auch noch meiner Socken und schlüpfte in die Sandalen. Entweder war Serena während ihres Studiums einmal in einem Schuhgeschäft beschäftigt, oder sie hatte ziemlich gute Augen, denn das Schuhwerk passte wie angegossen.

Der Tisch war bedeckt mit Schalen, gefüllt mit Nüssen, Früchten und Gemüse aller Art. Fleisch war nirgends zu sehen, und das Besteck fehlte, als Aufforderung zu verstehen, lustvoll mit den Fingern zu essen. Wir begannen römisch und legten uns Tisch wie einst die vornehmen Bewohner der antiken Luxusmetropole.

Im Lustgarten der Natur
Es gibt eine Fülle von pflanzlichen Aphrodisiaka, deren Ruf aus längst vergangenen Zeiten stammt. Auberginen sehen mit ihrem purpurnen Glanz und ihrer rundlichen Form sehr sinnlich aus. Kichererbsen, das wussten schon die alten Römer, stärken die Manneskraft. Sie verfütterten sie auch an ihre feurigen Hengste. Unter dem heiligen Hieronymus, der Bohnen für sexuell erregend hielt, waren sie in Klöstern verboten. Saubohnen galten in Italien schon lange davor als Aphrodisiakum, während in Griechenland Linsen eine ähnliche Rolle spielten. Bei den Nüssen stehen seit jeher Pinienkerne und Pistazien ganz oben auf der Liste der „Appetitanreger“ und sind als Aperitif sehr empfehlenswert. Und es ist keine Überraschung, dass viele Früchte als Aphrodisiaka gelten. Schon in der Bibel verführte Eva Adam mit einem Apfel. Allerdings dürfte das Symbol der Verführung, als das der Apfel bis heute dargestellt wird, ursprünglich eine Aprikose gewesen sein. Der glänzende rote Apfel blieb jedoch der Inbegriff der Verführung, in der frühen religiösen Malerei genauso wie im Märchen von Schneewittchen.

Während Serena vor mir ihre Kenntnisse aus dem Kunststudium über sinnliches Essen und erotische Malerei ausbreitete, von Satyrn und Weintrauben sprach, hing ich atemlos an ihren schamlos roten Lippen. Willig kaute ich die dargereichten Pinien- und Pistazienkerne und trank dazu den Sekt aus Rosenwasser aus Dubai und wohlriechenden Yasmintee aus Indien. Ein Blick auf ihre schlanken Fesseln ließen mich fast vergessen, dass der Senfkohl in der Schale vor mir bereits von Ovid als wollüstig bezeichnet wurde und in der Antike dem Priapus geweiht war, dem Gott des sexuellen Exzesses. Frische grüne Erbsen aus der Schote aßen wir bereits als Kinder sehr gerne, ohne zu wissen, dass sie Leidenschaften wecken sollen. Vielleicht hatten damals unsere nackten, schmutzigen Füße nicht die gleiche Wirkung wie Serenas zierliche, nackte Füße, die irgendwann beängstigend nahe den meinen lagen. Sie bewegte ihre Zehen unablässig beim Sprechen wie eine Katze ihre Krallen, wenn sie vor Wonne schnurrt. Sie verstand es, sich als größte Köstlichkeit des Abends in Szene zu setzen.

So betraten wir schließlich Hand in Hand das Paradies. Während ich noch überlegte, Serena das Tunika Laken über den Kopf zu ziehen oder es ihr einfach vom Körper zu reißen, griff sie mir an die Schulter und löste mit zarter Hand den verborgenen Klettverschluss. Sie musste während des Studiums wohl auch in einer Schneiderei gejobbt haben und hatte die römischen Kostüme wohl selbst gefertigt. Prompt rutschte mir die Stoffbahn halbseitig bis aufs Knie und blieb bei Halbmast hängen. Ich verfluchte meine Prüderie bei der Kostümierung und kam mir in der Enthüllung meiner Boxershorts ziemlich albern vor. Serena ließ sich davon nicht beirren, zeigte sich weiter in Stoffkunde und männlicher Anatomie bestens bewandert und befreite mich zügig von allem Stofflichen. Zu meinem Trost: Mit einem Chippendale Slip wäre das nicht so zügig gegangen. Da hat man nicht so viel Angriffsfläche.  Serena hingegen bot mir keine Angriffsfläche, sondern schob mich weiter in den Raum, wo in der Mitte ein japanischer Fouton lag. Ich kannte diese Dinger aus meiner Jugend. Da waren die einmal sehr modern, weil man frei war zu entscheiden, wer oder was oben oder unten war. Serena warf mich mit einem sanften Beinfeger auf den Rücken und entschied sich in allen Bereichen für oben. Mit den Rundungen ihres Hinterns fixierte sie meine Beine, mit den Händen meine Arme. Ich fühlte mich wehrlos wie ein Käfer auf dem Rücken.
Wir durften ohne Sünde von allen Früchten kosten, auch von den herrlichen Äpfeln.

Es war gegen drei in der Nacht, als ich im Paradies aufwachte. Meine Sinne waren noch in lustvoll orientalischer Völlerei gesättigt, doch mein Magen knurrte. Ich hatte schlicht Hunger. Erotische Nüsse und lustvolles Grünzeug her oder hin, mein Magen verlangte nach einem fetten Stück Käse, wahlweise einer deftigen Wurst, besser noch nach beidem. Runtergespült mit einem kühlen Bier.
Vorsichtig stellte ich meine Füße vors Bett und bekam dabei meine Knie in Kopfhöhe. Seit meiner Pfadfinderzeit hatte ich nicht mehr ebenerdig geschlafen. Ein Fouton ist kaum bequemer als eine Luftmatratze, verlangt aber einen elastischen, gut trainierten Körper. Es knarrten zwar keine Bettfedern, dafür aber knirschten verdächtig meine Lendenwirbel und Kniegelenke, bis ich wieder meine volle Größe erreicht hatte.
Der Spur unserer abgeworfenen Kleidungsstücke lautlos folgend erreichte ich das Wohnzimmer und von da war es nicht weit bis zur Küche und zum Kühlschrank. Er war gut gefüllt.
Magerquark, Yoghurt, Astronautennahrung, Paletten mit Fruchtzwergen, Actimel, Vitaldrinks, Omega 3 Produkte, Ampullen mit Vitaminen und anderen, geheimnisvollen Substanzen. Die Gemüseschalen waren gut gefüllt.
Das war kein Kühlschrank mit Essen, sondern eine erweiterte Hausapotheke. Probiotisch bis pro idiotisch. Nicht eine einzige Scheibe Wurst soweit das Auge reichte. Nicht einmal ein Ei. An den Küchenwänden hingen Fitnesspläne, tägliche Zeitpläne fürs Jogging und Kurszeiten für Yoga. In einem Minigewächshaus keimten Getreidekörner als frische Beilage zum Magerquark.
Ich schüttelte mich entsetzt. Das Paradies war in Händen einer Veganerin. Mir reichte es. Ich folgte der Wäschespur zurück, trennte sorgfältig meine Unterhose von ihrem Slip, fand glücklicherweise beide Socken und den ganzen Rest, der mich wieder in einen zivilisierten, mitteleuropäischen Mann zurückverwandelte. Auf dem Tisch hinterließ ich eine Nachricht:

Meine liebe Serena,
auch ich esse sehr gerne jede Form von Grünfutter, aber am besten schmeckt es mir, wenn ein Stück davon zu einem fetten Ochsen herangewachsen ist. Dazu mag ich am liebsten Getreide, sobald es durch gute Zubereitung, Zutaten und lange Lagerung zu einem kühlen Bier gereift ist.
Ich denke, dass meine geplante Gegeneinladung zum Rheinischen Krustenbraten in Altbiersauce kaum deinen Geschmack treffen wird.
Ich bin dann mal weg.

Doch so fettarm sollte ich aus der kurzen Affäre nicht herauskommen. Drei Monate später wechselte Serena zur Hauptgeschäftsstelle am Ostwall, eine Hierarchieebene über mir. Bald darauf machte das Wort vom „Kollegen Krustenbraten“ die Runde. Entnervt ließ ich mich schließlich in unsere Filiale nach Walbeck versetzen, gerade noch rechtzeitig zum Beginn der Spargelzeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.